The Original Sounds of Operetta: Truesound Transfers

Kevin Clarke
Opernwelt/Operetta Research Center
1 September, 2004

Die von der Firma Truesoundtranfers herausgegebene Serie mit Aufnahmen der Lustigen Witwe, des Graf von Luxemburg und der Zigeunerliebe in Uraufführungsbesetzung und teils mit Franz Lehár selbst am Pult sind eine Sensation – eine tickende Zeitbombe, nach deren Explosion in der heutigen Oper(etten)welt nichts mehr so sein dürfte, wie früher.

The original Viennese starts of "Die lustige Witwe", Mizzi Günther and Louis Treumann.

The original Viennese starts of “Die lustige Witwe”, Mizzi Günther and Louis Treumann.

Denn diese atemberaubend gut restaurierten Neuveröffentlichung der Einspielungen von 1906-10 strafen alle Lügen, die seit beinahe einem halben Jahrhundert Operetten mit Opernsängern besetzen und behaupten, das sei die einzig mögliche, historisch korrekte, die Musik ernst nehmende Manier. Sogar ein angeblicher “Verfechter” historischer Aufführungspraxis wie John Eliot Gardiner hat seine Lustige Witwe entsprechend gecastet (mit Cheryl Studer und Bo Skovhus), die Firma cpo tut es unter Berufung auf den ‹gehobenen› Gehalt der Musik in ihrer Lehár-Serie noch heute (zuletzt im fürchterlich verunglückten Sterngucker) und Theater in ganz Deutschland besetzen ihre unzähligen Danilos und Hannas ebenfalls unbeirrt mit Opernsängern (Hildegard Behrens am Gärtnerplatz Theater München, Pamela Coburn an der Komischen Oper Berlin). Dabei liegt nun endlich der klingende Beweis vor, dass das eine eklatante Missachtung der ursprünglichen Intentionen des Komponisten ist. Operette wurde zur Entstehungszeit anders besetzt, anders gesungen, anders gespielt – und klang viel besser, als es all die leblosen, humorlosen Aufnahmen (und Aufführungen) seit 1945 vermuten lassen. Jeder, der das Gegenteil behauptet – von Marcel Prawy bis Anneliese Rothenberger bis Burkhard Schmilgun von cpo – ist schlichtweg ahnungslos.

In den 90er Jahren begann der damalige Anglistik-Student Christian Zwarg (geb. 1968) mit Computersoftware zu experimentieren, um Schellackplatten zu restaurieren, die er sammelte. Er entwickelte ein Verfahren, mit dem er jeden Titel einzeln bearbeitete, statt alle überspielten Nummern durch das gleiche Säuberungs-Programm laufen zu lassen. So wird die Eigenart jeder Aufnahme gewahrt. Zwarg restauriert mit solcher Liebe zum Detail, das man oft das Gefühl hat, eine nagelneue Einspielung zu hören. Die Stimmen der Sänger erblühen – im wahrsten Sinn des Wortes – auf diesen entzerrten Transfers. Man begreift ihre einstige Wirkung, kann ihre Schönheit uneingeschränkt genießen, wo sie in anderen Ausgaben meist dumpf, knisternd und wie aus einem Trichter klingen.

1998 gründete Zwarg die Firma Truesoundtransfers (TT), schmiss das Studium und wurde professioneller Restaurator. Schnell wurden größere Labels auf ihn aufmerksam und so arbeitet er heute regelmäßig für Duophon in Berlin oder die Deutsche National-Diskographie in Bonn. Dank seiner vielfältigen Kontakte zu Sammlern hat er mehr Aufnahmen, als normale Plattenlabels veröffentlichen wollen. Daher entschloss er sich, diese von ihm aus privater Leidenschaft restaurierten Titel zu Alben zusammenzustellen und via Internet zu vertreiben (14,99 Euro pro CD, inkl. Versand). Jede CD wird auf Bestellung gebrannt, dadurch entstehen keine Lagerkosten, und Interessenten können Raritäten, denen sich kommerzielle Firmen verschließen, in erstklassig bearbeiteten Versionen bekommen.

Im umfangreichen TT-Katalog gibt es neben vielen Opernschätzen die erwähnte Operetten-Serie. Über einen Freund kam Zwarg in Kontakt mit dem Ehepaar Hermine und Erich Kreuzer aus Wien, die vom Lehár-Nachlass die Diskographie geerbt haben, also jene Platten, die Lehár selbst als Belegexemplare zuhause sammelte. Dort finden sich komplette Sätze von den großen Operetten der frühen Periode. Lehár hat sie offensichtlich selbst gern gehört, denn sie weisen starke Abnutzungsspuren auf – was man auf den Transfers aber nicht merkt. Stattdessen hört man den ersten Danilo der Welt, Louis Treumann, in all seiner grotesken Herrlichkeit. Anders als Johannes Heesters und seine zahllosen Epigonen, gestaltet Treumann den Danilo nicht als geleckten Lebemann mit schnulzigem Ufa-Charme, sondern als exzentrischen Komiker, mit “jüdelnder” Aussprache und Mr.-Bean-Albernheit. Das klingt herrlich, denn dadurch wird Lehárs Musik niemals sentimental, bleibt immer amüsant und oft sehr drastisch.

The "Merry Widow" in Munich, 1938. A page from the program booklet.

The “Merry Widow” in Munich, 1938. A page from the program booklet.

Auch Mizzi Günther, die gefeierte Primadonna des Theaters an der Wien und lange Jahre Treumanns Traum-Partnerin, zeigt, dass Operette eine gewitzte Angelegenheit ist. Niemals flüchtet sie sich in Opernposen oder reinen Schöngesang, immer wahrt sie ihren kecken Klang (am eindrucksvollsten in dem Duett “Dummer, dummer Reitersmann”). Hohe Töne, auf denen späteren Sängergenerationen gern ewig verweilten, werden hier nur angetippt oder ganz weggelassen, auch in der angeblich so opernhaften Zigeunerliebe (mit Grete Holm, Hubert Marischka und Willy Strehl). Wo Lehár hohe und tiefe Versionen einer Passage alternativ im Klavierauszug anbietet, wird auf diesen Aufnahmen unter seiner Leitung fast immer die tiefe gesungen. “Reine Stimmprotzer galten damals als provinziell”, erklärt Zwarg. Man bevorzugte einen nuancenreichen Vortrag, wort- und doppeldeutig, übertrieben, manchmal gar absurd – keinen Schöngesang. Anders als in der romantischen Oper, wurde in Operetten nicht nach “Wahrhaftigkeit” gestrebt; vielmehr wurden Gefühle und Stimmungen zitiert und mit ironischer Distanz präsentiert. Gerade darum wirken Opernsänger – von Schock über di Stefano bis Kollo – oft so lächerlich, wenn sie die «falschen» Operettenemotionen als “echt” verkaufen wollen. Diese “distanzierte” Weise, Operette zu spielen, würde man sich heute mehr denn je zurückwünschen, denn sie ist ungemein modern. Sie entspricht der Entwicklung, die die moderne Kunst und großteils auch die moderne Musik durchgemacht hat: sie ist im wahrsten Sinn des Wortes “postmodern”. Dabei sind diese Aufnahmen ein Jahrzehnte vorm Beginn der eigentlichen Moderne entstanden. Operette als Vorläufer von Schönberg und den anti-romantischen Serialisten der 50er Jahre? Das wäre ein interessanter Interpretationsansatz.

Auf dem Lustige Witwe-Album gibt es 15 weitere Treumann-Titel, die den Künstler von seiner exaltiertesten Seite zeigen. Köstlich ist etwa Der lustige Witwenfeind, wo Treumann 1906 zur Melodie von “Lippen schweigen” besingt, wie er die Lehár-Musik nicht mehr hören kann, weil sie ihn Tag und Nacht verfolgt. Apropos Verfolgung: Lehár, der spätere “Lieblingskomponist des Führers”, verhinderte übrigens nicht, dass sein berühmtester Danilo von den Nazis nach Theresienstadt verschleppt wurde, wo er 1944 ums Leben kam. Es ist der tragische Schlusspunkt der Karriere eines Mannes, der wegen seines tragikomischen Vortrags berühmt war.

Von Lehár werden vermutlich noch weitere Operettenkompilationen bei TT herauskommen, Eva und Der Rastelbinder beispielsweise, von denen Zwarg lediglich einzelne Platten aus dem kompletten Set fehlen. Auch von Kálmáns Csárdásfürstin mit Fritzi Massary sowie der Rose von Stambul mit derselben Künstlerin versucht er, seine Sets zu komplettieren, um sie zu veröffentlichen.

“Die Sängerin war so populär, dass die Leute ihre Platten zu Tode nudelten”, sagt Zwarg. “Daher findet man heute kaum brauchbare Exemplare.”

Neben den Lehár-Operetten hat Zwarg auch zwei CDs mit Musik aus Berliner Revuen der 20er Jahre herausgebracht. Man hört dort, wie aufregend das Großstadtleben der Weimarer Republik gewesen sein muss zum Rhythmus der Musik Holländers, Nelsons und Spolianskys (mit Marlene Dietrich in der wohl am besten restaurierten Fassung des Terzetts “Wenn die beste Freundin mit der besten Freundin”).

Sheet music cover for "Der Teufel lacht dazu".

Sheet music cover for “Der Teufel lacht dazu”.

Verglichen mit den Aufnahmen, die die Akademie der Künste bei Edel herausgegeben hat, ist der Klang hier wirklich spektakulär. Außerdem hört man, anders als bei den AdK-Ausgaben, auch die Musik Walter Kollos, die er für die Haller Revuen schrieb und die ein gänzlich neues Licht auf diesen sonst mit sentimentalen Possen wie «Wie einst im Mai» assoziierten Komponisten werfen. Das sind jazzig durchpulste Werke, die man sich schnell in einer Neuauflage etwa im Berliner Wintergarten oder der Bar jeder Vernunft wünschen würde.

Yvette Gilbert, as seen by Toulouse-Lautrec.

Henri de Toulouse-Lautrec, Yvette Guilbert Taking a Bow, 1894.

Wegen Zwargs spezieller (für einen Anglisten typischen) Vorliebe für die Operetten Gilbert & Sullivans finden sich auch Ausgaben der Columbia-Aufnahmen, die um 1930 in London entstanden, im TT-Katalog. Im Internet kann man zu diesen ehemals vor allem in den USA populären Versionen unter www.cris.com/~oakapple/gasdisc/narr.htm ausführliche Informationen dazu bekommen. Eine besondere Rarität bei TT ist das Album mit 31 Titeln von Yvette Guilbert aus den Jahren 1903-18. Sie ist jene von Henri Toulouse-Lautrec unsterblich gemachten Chansonette, die 1926 in Murnaus Faust-Film die lüsternd-freche Marthe spielte. Sie hier zu hören, in jugendlicher Frische, ist ein Ereignis. Interessant ist auch eine CD, auf der Eduard Künneke das Große Odeon-Streichorchester dirigiert mit Mozart, Haydn, der Ouvertüre zum Barbier von Bagdad und Musik aus Künnekes eigenem Cœr-As. Man erlebt den berühmten Operettenkomponist (Vetter aus Dingsda) von seiner anderen Seite, nämlich als berühmten Dirigent von E-Musik.

Zwarg sagt: “Ich brauche keine dummen Neuaufnahmen, wenn die Uraufführungsinterpreten so gut klingen!” Dem kann man angesichts der aktuellen Flut von Operetten-Wiederveröffentlichungen aus den 60er Jahren, u.a. bei EMI, nur zustimmen. Es bleibt zu hoffen, dass die dank TT nun erstklassig dokumentierte historische Aufführungspraxis auch Folgen auf der Bühne hat – dass man die «Lustige Witwe» (und nicht nur diese) mal wieder mit Stimmen à la Treumann und Günther besetzt. Das wäre eine echte Neubelebung des Genres: Rowan Atkinson als Danilo. Wer wagt’s?

Infos und Bestellung: www.truesoundtransfers.de/

 

Lehár: Die lustige Witwe/ Fürstenkind/ Eva

Louis Treumann (Danilo), Mizzi Günther (Hanna Glawari, Valencienne); Franz Hampe (Dir.)

TT-2111N; AD: 1903-1914

Lehár: Zigeunerliebe

Grete Holm (Zorika), Mizzi Zwerenz (Ilona), Max Rohr (Jonel), Willy Stehl (Józsi), Hubert Marischka (Kajetán) u.a.; Franz Lehár (Dir.)

TT-2301N; AD: Feb. 1910

Lehár: Der Graf von Luxemburg

Louise Kartousch (Juliette), Otto Strom (Renée), Max Pallenberg (Basil), Annie von Ligety (Angèle) u.a.; Franz Lehár (Dir.)

TT-2229N; AD: Nov. 1909

Es liegt in der Luft: Revuen 1926-1928

Blandine Ebinger, Trude Hesterberg, Tiller Girls, Claire Waldorff, Margo Lion, Oskar Karlweis, Marlene Dietrich, Ruth Arden u.a.

TT-1813N; AD: 1926-28

Unerhört küsst die Malwine: Berliner Revuen 1929-1934

Mit Siegfried Arno, Camilla Spira, Kurt Gerron, Hilde Hildebrand, Eva Busch, Die vier Nachrichter u.a.

TT-1818; AD: 1929-34

Eduard Künneke Conductor

Der Barbier von Bagdad (Ouvertüre); Hänsel und Gretel (Grand Fantasia, arr. Künneke); Symphonie mit dem Paukenschlag (Haydn); Symphonie Nr. 39 (Mozart); Cœr-As (Ouvertüre, Intermezzo); Großes Odeon-Streichorchester, Eduard Künneke (Dir.)

TT-2109; AD: 1911-1913

Gilbert & Sullivan: The Yeomen of the Guard

Dan Jones (Colonel Fairfax), George Baker (Sergeant Meryll), Alice Lilley (Elsie Maynard) u.a.

Columbia Light Opera Company & Orchestra, Joseph Batten

TT-2013N; AD: 1931

Bonus: Edison Light Opera Company Medleys von H.M.S. Pinafore (1911), Patience (1912), Pirates of Penzance (1913), Mikado (1911)

Gilbert & Sullivan: The Mikado/ Gondoliers

Robert Carr (The Mikado), Dan Jones (Nanki-Poo), Alice Lilley (Yum-Yum), Nellie Walker (Katisha) u.a.

Columbia Light Opera Company & Orchestra, Charles Prentice/ Joseph Batten

TT-2012; AD 1930/31

Yvette Guilbert: 31 recordings

TT-2023N; AD: 1903-1918

Comments